Verfuchst und zugekräht!

Die Kurzversion:

Emil und Wolfgang übernehmen in der Gemüsewerft das Ruder. Der eine ist drei Jahre alt, segelt auf den Liedern und Geschichten von Fuchs und Krähe ins Reich blühender Kinderfantasien, der andere ist 70, aus dem Krankenhaus ausgebüxt und bringt die Bande zum Tanzen. Die beiden nehmen das, was da ist: Sonne, Gitarre, Erdbeeren und 8-9-10 gleichermaßen verrückte und verlässliche Menschen mit auf ihr Piratenschiff aus Begeisterung. Und spielen uns raus aus Sorgen, Grübeln und Kontrollsucht.

 

 

 

Die Langversion:

Verfuchst und zugekräht! Das ist ja ganz schön einsam hier! Wo sind denn die Scharen von Menschen, die wir zu Guenos Vortrag über Lebensmittelautonomie und zur Uraufführung des Kinder-Natur-Musicals „Verfuchst und zugekräht“ in die Gemüsewerft eingeladen haben?

Kathrin drapiert mit ihrem Gipsarm vorsorglich Kekse und Äpfel auf den Palettenmöbeln, Gueno bemüht sich um ein Entspannungsprogramm für Kalle und Emil, die müde aus dem Kindergarten gekommen sind und ich pfeiffe ein weiteres Mal in meinem Leben die schlecht zu übersetzende Hymne der moldauischen Skaband „Zdob si Zdub“: Dimineata pe racoare, eu stau cu fata la soare.“ Für mich heißt das so viel wie: „Auch wenn es hier noch ganz schön kühl ist, halte ich mein Gesicht in die Sonne.“

Ich bin beeindruckt von dem wunderschönen, liebevollen gestalteten Ort, den unzähligen Hochbeeten und den frischen Erdbeeren…und auch von dem kleinen Kobold in mir, der dafür sorgt, dass das Umswitchen auf die Sonnenseite-Hymne gelingt. Die letzten Tage lautete das Mantra, das mir gebetsmühlenartig von den Lippen ging, nämlich eher: „Es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir leid!“. Dass unser Garten zu Hause verwildert, dass ich seit Wochen keinen Rasen gemäht und Unkraut gejätet habe, wenig kommuniziert habe mit den Menschen in meinem direkten Umfeld, weil ich von Karawaniererei, berufsbürokratischem Perfektionismus und Selbstfindungstrips absorbiert war. Es tut mir leid, dass diese Art von Ausnahmezuständen, die mich von Garten- und Beziehungspflege abhalten, inzwischen Jahre umfassen.

Verfuchst und zugekräht! Das gleichnamige Musical, das hier gleich uraufgeführt werden soll, ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie eine Idee, die im Flow und Frieden entstand, aus dem rosa Reich der Träume schließlich auf acht Seiten schwarzweiße Pixel geschrumpft ist. In einer selten geöffneten Computerdatei gespeichert, die ich nicht mal mehr geschafft habe in vernünftiger, lesbarer Qualität auszudrucken. Die Menschen, die die Musical-Idee beim nächtlichem, improvisierten Kinderquatsch auf dem Festival in Rudolstadt letzten Sommer mit in die Welt gebracht haben und sie über das Jahr zusammen weiterentwickeln wollten, wurden ebenso vom Meer der tausend Möglichkeiten, Verpflichtungen, Verworrenheit verschluckt wie ich und…. „Verfuchst und zugekräht!“ – am Ende musste sich meine gute, alte Bandkollegin Sylvie damit arrangieren, dass es anstatt eines friedlich-freudigen Gemeinschaftserlebnisses nur ein paar gehetzte Proben in vertraut-effektiver, aber leicht-liebloser Zweisamkeit gab, die dafür gesorgt haben, dass es am Ende zumindest überhaupt eine ausgedruckte Version des Musicals gab.

Sylvie, die anstatt Motivations-Mails in alle Winde zu verschicken und zu grübeln unser Unkraut gejätet und spontan mit ihrem „Musik-Ehemann“ Thomas nach Fischerhude lief – für das Projekt „Friedenslauf“, das wie unsere Karawane darauf setzt, dass Menschen sich gemeinsam auf den Weg machen und Zeichen setzen. Als wir im Winter davon erfuhren, wollten wir uns eigentlich mit den Friedensläufern vernetzen, mitmachen, Unterstützer sein…doch dann war wieder Flut im Meer der tausend Möglichkeiten, Verpflichtungen, Verworrenheit und die trieb mich in einen Strudel, bei dem ich schließlich nur noch selber Unterstützung brauchte und keine mehr geben konnte.

Und jetzt.

Jetzt kommt Thomas in die Gemüsewerft, herzlich persönlich eingeladen von Sylvie, um mit uns zu jammen. Er ist vorgestern spontan aufgesprungen, um bei der Uraufführung mitzuwirken. Und hat ein Stimmgerät dabei. Meines ist seit Jahren im Krempel ungepflegter und entsprechend nicht mehr benutzbarer Elektrogeräte verschollen und ich bin dem Motto gefolgt: Passt schon. Nun stimmen wir fachmännisch und fangen an zu jammen.

Plötzlich trudeln Leute ein. Zuerst Freunde von Gueno, dann Kinder aus der Nachbarschaft, dann Steffi und ihre Tochter aus den Wildniskreisen, dann noch mehr Kinder, dann Sylvie und Jamila aus meinem Wohnprojekt….und schließlich…

Wolfgang. Völlig unerwartet steckt ein Spaziergänger die Nase über den Zaun, nimmt die herzliche Einladung an, sich zu uns zu gesellen und dann ziemlich fix die Gitarre in die Hand. „Ich kann nicht lange bleiben, eigentlich bin ich im Krankenhaus, aber musste mal Luft schnappen.“ Am Hals von Wolfgang klafft ein großes, weißes Pflaster und die Finger sind braunrot vom Jod, Zeichen der Operation, der er sich im nahegelegenen Diako-Krankenhaus unterziehen musste. Aber darum geht es jetzt gar nicht. Es geht um „Emil aus dem Schwalbennest“! Ein selbst komponiertes Lied, wild und fröhlich und meisterhaft. Es wird getanzt und mitgesummt, es folgt ein zweites Lied, wir tauschen unsere Geschichten aus und schließlich auch die Telefonnummern. „Jetzt muss ich erstmal schnell zurück ins Krankenhaus, aber wenn Freitag die Krankengymnastik schnell genug geht, komme ich zur Kinderwildnis am Werdersee und höre mir das Musical in ganzer Länge an.“ Vorher spielt, Wolfgang noch einmal den Song für Emil, Guenos dreijährigen Sohn.

Und Emil übernimmt dann das Ruder bei der anschließenden Uraufführung von „Verfuchst und Zugekräht“. Als ich den mir so vertrauten Mitbwohnerknirps, für den ich die letzten Wochen wenig Zeit hatte, und seinen Bruder Kalle, den schlauen Fuchs, erwartungsvoll auf der Bank vor mir hocken sehe, wird mir klar, dass der schwarz-weiße Ausdruck des am Computer entstandenen Musicals ein Witz ist – wenn auch ein guter! Meine zwei kleinen Kumpels wollen nicht den genauen Wortlaut der Geschichte hören, sondern brauchen eine Version, die individuell auf sie zugeschnitten ist. Also fordere ich Sylvie ein weiteres Mal heraus und improvisiere. Erzähle frei und fröhlich die Geschichte von einem Jungen, der sich in den Wald begibt, um herauszufinden, wie das Leben wirklich funktioniert. Lasse dem Publikum Platz, ihre eigenen Geschichten einzuflechten und wir jonglieren mit dem, was jetzt, in diesem Moment, da ist. Kalle lauscht gebannt, Emil plappert und plappert und plappert und nun versteht auch Gueno, der Bretone, worum es geht und ging bei den für ihn schwer durchschaubaren deutschen Wörtern und Planungen, die mich die letzten Wochen von der Gartenarbeit abgehalten haben. Er bleibt mit den Jungs viel länger als gedacht, es gibt noch ein gemeinsames Abendessen, neue und alte Kontakte werden gefeiert.

Für mich persönlich endet der Tag schließlich mit einem Sonnenuntergang in einem verwunschenen Nebengarten, zu zweit, in einer Ruhe und Tiefe, wie ich sie monatelang nicht gehabt habe. Pünktlich zum völlig verspäteten Musical ist nämlich noch Christina aufgetaucht. Das letzte Mal, als wir uns sahen, war Januar und wir haben Wünsche, vage Ideen, Bedürfnisse für 2016 ausgetauscht. Gemeinsam durchs Blockland galoppieren, im Matsch spielen, einen Berg bestiegen. Nur der letzte davon hat 2016 geklappt…und nur dank Ludger und wenn man den Brocken als Berg wertet.

Doch alles gut. Jetzt sitzen wir wieder hier, erzählen uns, was war in den letzten anderthalb Jahren, wie wir ein Stück weiter raus gefunden haben, welche unserer vielen Ideen wirklich Sinn entfalten, wenn wir ihnen Sinn geben … für uns, ganz persönlich…und stoßen mit Traubensaft auf dieses verrückte, wundervolle, schwere, leichte, abenteuerliche, eigensinnige Leben an.

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